Arbeitsbereich für Pflegefachsprachen und klinische Entscheidungsfindung
Das Team des neu eingerichteten Arbeitsbereiches für Pflegefachsprachen und klinische Entscheidungsfindung am Institut für Pflegewissenschaft hat den Anspruch einen entscheidenden Beitrag zur Weiterentwicklung von sogenannten Standardized Nursing Languages (SNL) in Österreich und darüber hinaus im europäischen Raum zu leisten.
Hintergründe
Bekannterweise steht das Gesundheits- und Sozialwesen aufgrund der Entwicklungen, wie u.a. demographische Veränderungen mit damit verbundenem Mehrbedarf an Leistungen bei paralleler Personalknappheit, Kostenexplosion, Digitalisierung inkl. KI-Anwendungen, vor großen Herausforderungen. Daten zur zielgerichteten Steuerung und besseren Planbarkeit sind unabdinglich, auch und vor allem im Bereich der Pflege; gemessen an der Zahl der Beschäftigten der größte Sektor. Daher braucht es kodierte, interoperable Daten, die so strukturiert, beschrieben und bereitgestellt werden, dass verschiedene Softwaresysteme, Anwendungen und Organisationen sie problemlos austauschen können. Nötig wird dies insbesondere für Sekundärdatenanalysen zur (Personal-)Planung und Abrechnung. Darüber hinaus wird die Nutzung derartiger Daten(-strukturen) auch in den neuen Verordnungen zum Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) gefordert. Alle Patient*innendaten, die zukünftig von den diversen Health Professionals in elektronische Gesundheitsakten (EHR) aufgenommen werden, müssen mit der international etablierten Referenzterminologie SNOMED CT (einer standardisierten medizinischen Fachsprache) verbunden sein.
Vor diesem Hintergrund entscheiden sich immer mehr europäische Länder und Regionen dafür, pflegerische Klassifikationssysteme inkl. der SNL, zumeist Setting spezifisch (für das Krankenhaus, die Hauskrankenpflege), zur einheitlichen Abbildung von Pflegebedarfen (über Pflegediagnosen), Pflegeleistungen und Pflegeergebnissen zu verwenden; darunter Spanien, die Niederlande, Estland, Italien und auch Österreich. In den USA unterstützt die American Nurses Association (ANA), einer der größten und einflussreichsten Pflegeorganisationen, explizit die Aufnahme anerkannter SNL in die EHR. Damit wird der Einsatz von North American Nursing Diagnosis Association International (NANDA-I), International Classification of Nursing Practice (ICNP) und weiteren Pflegeklassifikationen in US-amerikanischen EHR-Projekten fachlich und politisch legitimiert.
Schwerpunkt NNN-Taxonomie
Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass die sogenannte NNN-Taxonomie die meisten Validitäts- und Reliabilitätskriterien für Pflegeklassifikationssysteme erfüllt (Müller-Staub et al., 2017). Sie sind im Vergleich zu anderen SNL am umfangreichsten beforscht und liegen jeweils in mehr als zwanzig Sprachen vor. Unter NNN-Taxonomie wird die Verknüpfung dreier SNL verstanden: jene der NANDA-I-Pflegediagnosenklassifikation (Herdman et al., 2024), der NOC-Pflegeergebnisklassifikation (Moorhead et al., 2024) und der NIC-Pflegeinterventionsklassifikation (Wagner et al., 2024). Jede dieser SNL erfüllt eine entscheidende Rolle: NANDA-I bietet ein Klassifizierungsschema für Pflegediagnosen, das Pflegepersonen ermöglicht, menschliche Reaktionen auf Gesundheitsprobleme systematisch als Pflegebedarfe zu identifizieren. Die messbaren, pflege-sensiblen NOC-Patient*innenergebnisse erlauben die Evaluation des Patient*innenzustandes nach Interventionen (abgeleitet von der Pflegediagnose). Schließlich bietet die NIC standardisierte, forschungsbasierte Interventionen, die direkt auf Diagnosen und Ergebnisse abgestimmt sind. Diplomierte Pflegepersonen benötigen klinische Entscheidungsfindungskompetenz, um aus den validierten Konzepten der drei SNL wählen und diese adäquat, personzentriert verknüpfen zu können. Bedeutsam ist, dass systematisch erstellte NNN-Verknüpfungen (= Linkages) zu den NANDA-I Pflegediagnosen nur bis ins Jahr 2013 veröffentlicht wurden. Somit fehlen Linkages zu sämtlichen Diagnosen, die zu einem späteren Zeitpunkt in die NANDA-I Taxonomie aufgenommen wurden. In EHR integrierte forschungsbasierte NNN-Linkages unterstützen die klinische Entscheidungsfindung diplomierter Pflegepersonen und die Dokumentation mit SNL. Nach Marjory Gordon, eines der Gründungsmitglieder von NANDA-I, braucht es dazu diagnostische Urteilsfähigkeit – zum Stellen von genauen Pflegediagnosen sowie zur therapeutische Entscheidungsfindungskompetenz. Dies dient dazu, gemeinsam mit den Betroffenen und ihren Vertrauenspersonen, realistische, personzentrierte Pflegeergebnisse und -interventionen zu wählen. Weiters dient es der übergreifenden ethischen Entscheidungskompetenz, um in komplexen Pflegesituationen reflektierte, moralisch vertretbare Lösungen zu finden, die von allen Beteiligten besser nachvollzogen und mitgetragen werden können. Mit Hilfe der NNN-Taxonomie kann die Lücke zwischen klinischer Entscheidungsfindung und effizienter Dokumentation geschlossen werden.
Chronologie des Vorgehens der NNN-Linkages Group
Die internationale Kernforschungsgruppe ging aus den europäischen NANDA I Network Groups, heute als International Nursing Knowledge Association (INKA) Network Groups bezeichnet, hervor. In alphabetischer Reihenfolge, gelistet mit den Hauptverantwortlichen, sind das:
- Die German-Speaking Network Group mit Sina Feller (CH), Daniel Schümann (DE) und Claudia Leoni-Scheiber (AT)
- Die Dutch-Speaking Network Group (NL), darunter Friso Raemaekers und Niels Schram
- Die italienische Gruppe (IT) mit Vianella Agostinelli, Silvana Mecheroni und Giuliana Morsiani
- Die portugiesische Gruppe mit Filipa Veludo (PT) und Susana Miguel (PT).
Das Ziel war und ist es, forschungsbasierte NNN-Linkages zu entwickeln. In erster Linie für den Einsatz in EHR zur Unterstützung von Pflegefachpersonen, in zweiter Linie zur Schaffung einer Grundlage für zukünftige Validierungsstudien.
Im Laufe der einjährigen Initiative schlossen sich Ende Oktober 2024 Kolleginnen vom Center for Nursing Classification & Clinical Effectiveness der University of Iowa (US), darunter Mary Clarke, Sue Moorhead, Elizabeth Swanson und Cheryl Wagner an. Nach der Präsentation der Arbeit an der NANDA-I Conference in Lissabon im Juni 2025 stießen Vertreter*innen aus Spanien (von der Francisco de Vitoria University in Madrid und der Universidad Católica San Antonio, Murcia), aus Moldawien (University of Medicine and Pharmacy), aus Rumänien (von der Romanian Nursing Association und der University of Medicine and Pharmacy, Bucharest) und Brasilien (der State University of Goiás) zur Gruppe. Aktuell wird an zwei Sonderausgaben im International Journal of Nursing Knowledge gearbeitet. Die ersten Publikationen wurden angenommen, darunter Developing NANDA-I, NOC, and NIC Linkages for the Diagnosis of Excessive Loneliness (Morsiani et al., 2026).
Gründung weiterer Forschungsgruppen
Neben der bereits dargelegten NNN-Linkages Group wurden zwei weitere mit dem Fokus auf Familien- und Gemeindenahepflege gegründet:
- NNN-Linkages im Community-Setting
Ausgangspunkt ist die von Pedro Melo (University of Porto/PT) entwickelte Theorie der mittleren Reichweite MAIEC – das Community Assessment, Intervention and Empowerment Model. In seinen Post-Doc-Studien hat er die MAIEC-Diagnosen mit NANDA-I Gemeindediagnosen gemappt bzw. neue entwickelt. Die Aufgabe der NNN-Linkages Group ist es, Theorie geleitet MAIEC Ergebnisse und Interventionen mit NOC-Ergebnissen und NIC-Interventionen zu mappen. Dieser Gruppe gehören neben Pedro Melo vier österreichische Kolleginnen von vier Hochschulen an: Angelika Krutil (FH Campus Wien (AUT)), Eva Unger (FH Joanneum (AUT)), Julia Grabher-Schwaninger (Paracelsus Medizinische Privatuniversität (AUT)) und Claudia Leoni-Scheiber (Privatuniversität UMIT TIROL (AUT)). Erste Ergebnisse werden an der kommenden Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Public Health in Graz vorgestellt, Publikationen sind in Vorbereitung.
- NNN-Linkages in der Familienzentrierten Pflege
Barbara Preusse-Bleuler von der ZHAW Winterthur (CH) und Hans-Peter de Ruiter vom Glen Taylor Nursing Institute for Family and Society der Minnesota State University Mankato/US, beides international anerkannte Expert*innen und Buchautor*innen, arbeiten zusammen mit Melitta Horak (FH Klagenfurt (AUT)) und Claudia Leoni-Scheiber an NNN-Linkages zur familienzentrierte Pflege. Die Vorarbeiten sind in diesem Projekt besonders umfangreich, da bereits der sprachliche Ausdruck der NANDA-I Pflegediagnosen oft konträr zur Haltung im familienzentrierten Ansatz bzw. negativ konnotiert ist. Ein Workshop an der kommenden International Family Health Conference in Porto 2027 ist geplant.
Arbeitsbereich für Pflegefachsprachen und klinische Entscheidungsfindung
Die Zukunft der Pflege braucht eine gemeinsame Sprache, Pflege sichtbar durch standardisierte Sprache und wissenschaftlich fundierte Entscheidungen machen. Elektronische Gesundheitsakten, Künstliche Intelligenz und internationale Gesundheitsdaten können nur dann ihr Potenzial entfalten, wenn pflegerisches Wissen standardisiert dokumentiert wird. Am Arbeitsbereich tragen wir gemeinsam mit internationalen Forschungspartner:innen maßgeblich zur Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Grundlagen bei – im Austausch mit führenden Expert:innen weltweit. Im Mittelpunkt stehen internationale Pflegeklassifikationen, digitale Dokumentationssysteme und innovative Konzepte zur Unterstützung klinischer Entscheidungsprozesse. Damit leisten wir einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Pflegewissenschaft in Österreich und im europäischen Forschungsraum.
Standardisierte Pflegefachsprachen
Die Digitalisierung des Gesundheitswesens verändert die professionelle Pflege grundlegend. Elektronische Gesundheitsakten, der Europäische Gesundheitsdatenraum (EHDS) und moderne Datenanalysen setzen voraus, dass pflegerische Informationen einheitlich beschrieben und zwischen Systemen austauschbar sind.
Standardized Nursing Languages (SNL) schaffen diese Voraussetzung. Sie ermöglichen
- eine einheitliche Beschreibung von Pflegebedarfen,
- evidenzbasierte klinische Entscheidungen,
- qualitativ hochwertige Pflegedokumentation,
- die Nutzung von Routinedaten für Forschung und Versorgungsentwicklung sowie
- internationale Vergleichbarkeit pflegerischer Leistungen.
Forschungsschwerpunkte
Unsere Forschungsnetzwerke verbinden Wissenschaftler:innen aus Europa, Nord- und Südamerika und entstehen in enger Zusammenarbeit mit führenden internationalen Expert:innen der Pflegeklassifikationen. Die daraus entstehenden wissenschaftlichen Publikationen und Projekte leisten einen Beitrag zur internationalen Weiterentwicklung standardisierter Pflegefachsprachen.
NNN-Taxonomie: Ein besonderer Schwerpunkt unseres Arbeitsbereichs ist die Weiterentwicklung der NNN-Taxonomie. Sie verbindet die Fachsprachen der international etablierten Pflegeklassifikationen
NANDA-I – Pflegediagnosen,
NOC – Pflegeergebnisse und
NIC – Pflegeinterventionen.
Erst das Zusammenspiel dieser drei Systeme ermöglicht einen durchgängigen, wissenschaftlich fundierten Pflegeprozess. Also von der pflegerischen Einschätzung über die Planung bis zur Evaluation von Pflegeergebnissen.
Internationale Forschung: Der Arbeitsbereich koordiniert und gestaltet internationale Forschungsprojekte zur Entwicklung neuer NNN-Linkages. Ziel ist es dabei, Pflegediagnosen, Ergebnisse und Interventionen systematisch miteinander zu verknüpfen und für elektronische Gesundheitsakten nutzbar zu machen.
Neben der Entwicklung der NNN-Linkages arbeiten wir an innovativen Konzepten für unterschiedliche Versorgungsbereiche.
Community Nursing: Entwicklung standardisierter Linkages für die gemeindenahe Pflege auf Grundlage des Community Assessment, Intervention and Empowerment Model (MAIEC).
Familienzentrierte Pflege: Weiterentwicklung der NNN-Taxonomie für familienzentrierte Versorgungskonzepte gemeinsam mit internationalen Expert:innen aus Europa und den USA.
Unser Beitrag
Mit unserer Forschung schaffen wir Grundlagen für
- evidenzbasierte Pflegepraxis,
- digitale Transformation der Pflege,
- hochwertige Pflegedokumentation,
- internationale Forschungskooperationen,
- bessere Nutzung von Gesundheitsdaten und
- eine stärkere Sichtbarkeit professioneller Pflege.
Der Arbeitsbereich ist Teil eines internationalen Netzwerks von Universitäten, Fachgesellschaften und Forschungseinrichtungen und arbeitet gemeinsam an der Weiterentwicklung standardisierter Pflegefachsprachen für die Gesundheitsversorgung der Zukunft.
